Bis vor Kurzem schien es mir noch so, als verliefe mein ganzes Leben stark idealisiert sinuskurvenförmig. Ich kramte also mein Millimeterpapier hervor; exakt wollte ich meinen eigenen Verlauf festhalten. Mit Bleistift und Lineal zeichnete ich x- und y-Achse fix auf: So weit, so gut.
Der Nullpunkt, zugleich mein erster Schnittpunkt mit der x-Achse (25062011/0), war schnell gefunden. 'Stopp!', sagte ich da zu mir und hielt mich davon ab, übereifrig fortzufahren. Da fehlte doch was. Ich dachte angestrengt nach und erinnerte mich schließlich an die zwei elementarsten Sätze der Mathematik. Zumindest ging ich stark davon aus, dass sie elementar sein mussten, da in meinem gesamten Schulleben keine anderen Sätze häufiger über die Lippen meiner zahlreichen Mathelehrer gekommen waren als "75% eurer Fehler entstehen dadurch, dass ihr die Aufgabenstellung nicht richtig lest!" und "Ihr müsst die verdammten Achsen auch benennen!".
Da ich die Aufgabenstellung ja zur Genüge kannte, benannte ich also die verdammten Achsen!
Und ich sprach zur x-Achse: "X-Achse, du alter Horizontenstricher, du seist nun meine Lebenszeit t in Tagen!".
Und ich sprach zur anderen: "Und dich, Bohnenstange, taufe ich auf den Namen persönliches Befinden. Find dich damit ab!" Gesagt, getan.
Nun machte ich mich daran, einige markante Punkte herauszusuchen. Schnell erkannte ich, dass die Funktion f(x)=sin(x) achsensymmetrisch zur x-Achse lag und dass die sichtbaren Tiefpunkte jeweils im Abstand von etwa 30 Tagen verliefen, circa am 25. jedes Monats. Ob es denn mein restliches Leben immer und immer so weitergehen würde, fragte ich mich. Ich errechnete das Verhalten gegen unendlich und stellte fest, dass die Chancen, dem Einheitstrott zu entfliehen, in Zukunft immer deutlicher gegen Null streben würden. Also weiter Sinuskurven. Auf, ab, auf, ab. Mein Leben würde weder stets streng monoton steigend, noch fallend verlaufen, sondern einfach total regelmäßig, normal monoton eben.
Doch urplötzlich veränderte sich die Funktion. Y-Werte im Negativbereich häuften sich. Y-Werte gingen ab x=27102011 immer und immer tiefer. Angstschweiß brach aus! Wo sollte das nur hinführen? Mit vollster Konzentration errechnete ich den absoluten Tiefpunkt und stellte mit "Trauer, Zukunftsängste", sowie "Einsamkeit" notwendige Bedingungen für meinen Tiefpunkt auf. Nach langem Überlegen entschied ich mich für "Perspektivlosigkeit" als hinreichendes Kriterium für die Tiefpunkterrechnung. Nun gab ich den ganzen Spaß in meinen Grafiktaschenrechner ein: solve(diff(f(x),x,Einsamkeit),Trauer=0) und erhielt
No solution.
Die Funktion hatte also gar keinen Tiefpunkt; würde also bis zu meinem Lebensende, also de facto bis zum letzten Millimeter des Zeichenblatts immer und immer weiter ins Unermessliche sinken.
'Gibt es denn keine Hoffnung mehr? Bin ich zu einem Leben verdammt, das immer und immer abscheulicheres Elend für mich bereit hält?', hinterfragte ich kritisch.
Ich wollte schon aufgeben, mich meinem Schicksal beugen. Doch dann sah ich, dass ich die Funktion falsch definiert hatte. Es fehlte ein Faktor, dessen Exponent so hoch war, dass er bei keiner Ableitung dieser Welt wegfallen würde. Ein elementarer Faktor, der die Funktion schlagartig ins Positive umkehren konnte. Der der Funktion Tausende lokale Hochpunkte verleihen konnte! Wie konnte ich diesen Faktor nur vergessen haben? Wie konnte ich meine Lebensfunktion nur ohne
dich aufstellen?
q.e.d.