Freitag, 4. November 2011

Emotionen respektieren, Augenlicht verlieren

Zugegeben, ich bin definitiv nicht der Vorzeigefan meiner Lieblingsfußballmannschaft schlechthin. Der Verein ist nicht mein ganzes Leben, nicht mein ganzer Stolz, was auch irgendwie ziemlich bitter wär (was würde das denn über den Spannungsfaktor anderer Bereiche meines Lebens aussagen?). Ich kenne auch nicht alle Spieler mit Namen, Autokennzeichen und Steuernummer und reise nicht zu Auswärtsspielen gegen den Tabellensiebenundneunzigsten. Ehrlich gesagt war ich auch schon lange nicht mehr im Heimstadion.
Trotzdem strahlt Fußball (ansehen, nicht spielen!) schon einen gewissen Charme aus. Aber auch nur manchmal. Dabei ist der Spielverlauf an sich für mich sogar noch relativ unwichtig; es gibt jedoch außer intensiver Konzerte kaum einen vergleichbaren Gänsehautmoment, der sich einem bietet, wenn man im mit 80.000 Menschen gefüllten Stadion steht und unmittelbar vor Spielbeginn mit ebendiesen Menschen 'You'll never walk alone' anstimmt. Das ist der emotionale Höhepunkt jeder Fußballveranstaltung für mich: Menschen, die ihre Stimme benutzen und sich so gegenseitig anfeuern und motivieren.

Was jedoch ganz und gar nicht Ausdruck der Emotionen bei einer Massenveranstaltung sein soll und darf, hat man wieder einmal letzte Woche beim Pokalspiel zwischen Borussia Dortmund und Dynamo Dresden sehen können: Pyrotechnik, bengalisches Feuer. Ausgetüftelte Propagandasprüche wie 'Pyrotechnik legalisieren - Emotionen respektieren' finden auf Facebook fast 37.000 Anhänger, größtenteils meiner Altersgruppe. Und natürlich, kleine unscheinbare rote Lichtlein im Stadion sehen ohne Frage optisch einfach nur phänomenal aus! Aber das tun Brandverletzungen zweiten Grades und die anmutigen dunklen Krater im Gesicht, die daraus resultieren und von denen man dann ein Leben lang was hat, auch! (Oder so..) Oder noch besser: Man bekommt den Spaß ins Auge, was inmitten von zig Dutzend Leuten leichter passieren kann als gedacht, erblindet und kann nie wieder in den Genuss eines Bengalos, geschweige denn eines Fußballspiels kommen. Tja. Scha-de.
In einem derart menschengefüllten Stadion hat Vorsicht und gegenseitige Rücksicht die oberste Priorität. Seiner Mannschaft zuzujubeln ist für die Unterhaltung Jedermanns gedacht. Unzählige Kinder sind Heimspiel für Heimspiel dabei, bewundern die Spieler und möchten durch Fangesänge und Pfeifkonzerte auffallen, ihre Emotionen ausdrücken. Kommentare in der Facebookgruppe wie "am wochenende wird es bestimmt viel pyro geben mit dem hintergedanken ihr könnt uns gar nichts :D"  verstärken meinen Eindruck, dass Fußball im Stadion zur Nebensache geworden ist. Leider.
Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass der DFB sich dafür ausspricht, Dynamo Dresden die Austragung von Pokalspielen zu untersagen. Generell sollte das Zünden eines Bengalos mit einem Stadionverbot einhergehen und dies auch strenger kontrolliert werden. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, sich ohne Bedenken ein Fußballspiel anzusehen.

Ich kann Emotionen auch zeigen, ohne Mitmenschen physischen Schaden zuzufügen. Wenn ihr das nicht könnt, liebe Ultras, lasst es ganz sein.

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